Am 19. und 20. Oktober wurden beim Intranet Global Forum in New York nicht nur zahlreiche Intranets US-amerikanischer Unternehmen vorgestellt (unter anderem Pfizer, Coca Cola, IBM, ConoconPhilips). Sie wurden auch intensiv unter den Teilnehmern aus Kommunikationsabteilungen von Unternehmen diskutiert. Meine Erwartungshaltung war, dass der US-Markt hier Europa in puncto „Social Adoption“ und „Mobile“ weit voraus ist. Scheint doch speziell Deutschland bei digitalen Trends dem US-Markt immer zwei bis drei Jahre hinterherzuhinken.

Doch Deutschland ist viel besser und digitaler, als es die Medien oft darstellen. Hier meine persönliche Rückschau auf die drei wichtigsten Themen, die mir während des Intranet Global Forums aufgefallen sind:

Kernbestandteile immer noch Push und News

Intranet Global Forum 2016 - RückblickViele Projekte, die wir derzeit in Deutschland umsetzen, legen ihren Schwerpunkt auf drei Bereiche: Corporate Content, Collaboration, Communication. Ich bezeichne das als „CCC-Intranet“. Die Startseiten sind daher oft mit einem Newsfeed und aus Elementen der Kollaborations-Welt versehen. In den USA hingegen scheinen Intranets immer noch sehr News-lastig aufgebaut zu sein. Virtuelle Arbeitsräume und Social Networks wie Yammer oder IBM Connections laufen parallel und sind kaum mit dem ‚Nachrichten-Intranet‘ verbunden. Hier sind wir in Deutschland in der Tat weiter und arbeiten härter an einem alle drei C’s umfassenden Social Workplace oder Social Intranet.

Mobile geht in die ‚Desillusionierungs-Phase‘

img_1213Viele erfolgreiche Trends durchlaufen folgende Innovationskurve ‚Begeisterung – Desillusionierung – Anpassung – langfristiger Erfolg‘. Bei der Unterstützung mobiler Trends befindet sich Deutschland momentan in der Begeisterungsphase. Alle Kommunikationsabteilungen und Führungskräfte wollen es und alle glauben, dass auch alle Nutzer es wollen. In den USA scheint man da schon weiter zu sein. Viele Teilnehmer berichten, dass für ein hohes Budget das Intranet responsiv gestaltet wurde oder auch eigene Apps dafür bereitgestellt wurden. Doch die Messung der Zugriffszahlen führt dann nach einigen Monaten zur Ernüchterung. Nicht einmal zehn Prozent der Nutzer, die normalerweise das Intranet per PC aufrufen, greifen über mobile Endgeräte darauf zu. Das steht in einem ganz deutlichen Kontrast zu Webseiten (hier dominieren die mobilen Zugriffe). Die Zukunft des mobilen Intranets wurde kontrovers diskutiert. Bei Cisco oder Comcast möchte man seinen Mitarbeitern nicht noch weitere Apps zumuten, sondern Links zu Corporate News vielmehr in bestehende Apps integrieren. IBM hingegen baut eigene Apps auf und betont: „Wir stehen auf dem Smartphone in Konkurrenz zu iTunes, Facebook & Co. und müssen attraktive Apps für die Mitarbeiter schaffen, um ihre Aufmerksamkeit und Zeit zu gewinnen“. Hier befinden sich die USA also in der Phase „Anpassung“ während wir noch begeistert sind. Aber daraus können wir ja lernen.

Testing & Analytics

img_1229Was das Einbeziehen der Nutzer betrifft, so macht man den US-Amerikanern wirklich nichts vor. Auch bei Intranet-Projekten wird ausgiebig mit Fokus-Gruppen, Personas, User Journeys, Usability-Tests und agiler Anpassung gearbeitet. Intranets werden wie externe Webseiten behandelt. Der Mitarbeiter ist Kunde und das Angebot muss sich genau nach dessen Bedürfnissen richten. Heatmaps zeigen schon bei Tests mit Wireframes auf, welche Navigationswege optimiert werden müssen und A/B-Tests in Sprint-Phasen helfen, die richtige Variante der Seitenaufteilung zu finden. Hiervon sind wir in Deutschland noch meilenweit entfernt. Oft werden diese ausgiebigen Tests im Budget der technischen Implementierung geopfert und für das Intranet als völlig unnötig bewertet. Alle Teilnehmer der Konferenz haben dagegen von diesen ausgiebigen Tests und auch der intensiven Analyse der Nutzungszahlen berichtet. Denn sie zeigen auf, wie genau die Klick-Wege sind, wie lang die Verweildauer auf Seiten ist oder auch wie verschiedene Funktionen genutzt werden. Diese Zahlen werden in wöchentlichen Redaktionskonferenzen analysiert und daraus Anpassungen abgeleitet (zum Beispiel bei IBM). Sicher, nicht jede Kommunikationsabteilung hat derart viele Ressourcen wie IBM. Aber auch Unternehmen mit 10.000 bis 20.000 Mitarbeitern haben in den USA nicht selten Intranet-Teams mit vier bis sechs Vollzeitbeschäftigte. Das Intranet hat hier also einen höheren „Business Value“ und wird auch mit diesem Anspruch entwickelt.

Fazit

Intranets in Deutschland müssen sich nicht vor den US-amerikanischen Pendants verstecken. In der Grundarchitektur erscheinen wir hier in good old Europe moderner und interaktiver vorzugehen. Bei der Entwicklung der mobilen Intranets können wir von den Erfahrungen lernen und sollten abwägen, welche Inhalte über welche Technologien (responsiv, eigene Intranet-App) angeboten werden. Die Analyse und die Abstimmung auf die Nutzerbedürfnisse ist allerdings in Deutschland stark ausbaufähig. Hier halte ich den Ansatz von IBM für sehr progressiv: Mitarbeiter sind Kunden und das Intranet muss mit externen Plattformen konkurrieren können. Ich bin gespannt, wie sich all das in 2017 darstellen wird. Dann heißt es wieder: Intranet Global Forum und ab in die USA.