
von Oliver Chaudhuri
Ich habe eine klare These: Interne Kommunikation, wie wir sie heute vielfach noch verstehen, wird peu à peu verschwinden. Wenn sie sich nicht neu erfindet. Nicht, weil sie an Bedeutung verliert, sondern weil reine Informationsverteilung in einer KI-gestützten Arbeitswelt keinen strategischen Mehrwert mehr hat. News schreiben kann bald jede Maschine. Zusammenfassen auch. Übersetzen sowieso. Wenn interne Kommunikation sich weiterhin primär über Reichweite, Klickzahlen und Veröffentlichungsfrequenz definiert, wird sie austauschbar. Die entscheidende Frage lautet daher: Welchen Wert schafft sie künftig für die Organisation?
Die eigentliche Herausforderung ist nicht Technologie – sondern Verhalten
Unternehmen investieren massiv in den Digital Workplace: M365, Copilot, Collaboration-Plattformen, Social Intranets. Die technologische Basis ist vielerorts vorhanden. Und dennoch erleben ich in Projekten immer wieder dasselbe Muster:
- Tools werden ausgerollt – aber nicht konsequent genutzt.
- Funktionen sind verfügbar – aber nicht etabliert.
- Möglichkeiten wachsen – doch Klarheit fehlt.
Der Engpass liegt nicht in der Technik. Er liegt im Verhalten. Wer führt Meetings noch per E-Mail-Anhang statt im gemeinsamen Workspace? Wer speichert Dokumente lokal statt im Team? Wer nutzt KI als Spielerei statt als strukturierten Arbeitsbestandteil? An solchen – vermeintlich banalen – Punkten entscheidet sich rasch, ob die groß beschworene „digitale Transformation“ gelingt oder verpufft.
Die neue Rolle: Navigationsinstanz der digitalen Arbeit
Genau an diesem Punkt beginnt die strategische Zukunft der internen Kommunikation. Ihre Aufgabe ist nicht mehr primär das Senden von Informationen, sondern Orientierung zu geben.
In einer Arbeitswelt, die durch KI, hybride Zusammenarbeit und permanente Tool-Weiterentwicklungen geprägt ist, braucht es Instanzen, die:
- digitale Spielregeln definieren,
- Klarheit über Kanäle und Verantwortlichkeiten schaffen,
- technologische Möglichkeiten in konkrete Arbeitsroutinen übersetzen,
- Führungskräfte befähigen, digitale Zusammenarbeit vorzuleben.
Interne Kommunikation kann – und sollte – diese Rolle übernehmen. Nicht als alleinige Verantwortliche, sondern als strategischer Treiber im Zusammenspiel mit IT, HR und Management.
Von Reichweite zu Wirksamkeit
Die Zukunft der IK liegt nicht im Mehr an Content. Sie liegt im Mehr an Wirkung. Also nicht „Wie viele Beiträge wurden veröffentlicht?“, sondern „Welche digitalen Gewohnheiten haben sich etabliert?“ Nicht „Wie hoch ist die Klickrate?“, sondern „Arbeiten Teams tatsächlich kollaborativer?“ Nicht „Wie laut sind wir?“, sondern „Wie klar ist die Orientierung im digitalen Raum?“
Damit verschiebt sich der Fokus von Kommunikation als Kanal hin zu Kommunikation als Kulturfaktor: User Adoption ist keine Begleiterscheinung eines IT-Projekts. Sie ist Führungsarbeit.
Führungskräfte prägen durch ihr eigenes Verhalten, welche Tools akzeptiert werden, welche Plattformen relevant sind und welche Arbeitsweisen sich durchsetzen. Interne Kommunikation hat die Aufgabe, diese Führungsrolle sichtbar zu machen, zu unterstützen und verbindliche Leitplanken für die digitale Zusammenarbeit zu entwickeln. Denn ohne Orientierung entsteht Chaos. Ohne klare Spielregeln entsteht Schatten-IT. Ohne kulturellen Rahmen entsteht Überforderung.
Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich interne Kommunikation positioniert: Bleibt sie Content-Produzent? Oder wird sie Architektin der digitalen Arbeitskultur? Organisationen, die ihre interne Kommunikation strategisch neu denken, schaffen mehr als gut informierte Mitarbeitende. Sie schaffen Klarheit in komplexen Systemen. Sie etablieren nachhaltige digitale Routinen. Und sie machen aus technologischen Möglichkeiten gelebte Praxis.
Die Zukunft der internen Kommunikation ist nicht lauter. Sie ist integrierter, verbindlicher und vor allem: wirksamer. Und genau darin liegt ihre Chance.


